Soweit ich das überschauen konnte, sind Mitglieder von Ihnen auch schon für ihre Bücher oder Artikel verklagt wurden. Wie gehen Sie damit um, wie sichern Sie sich ab?

Wie wir bemerken mussten, ist die Absicherung gegen solche Klagen kaum möglich. Es gibt mittlerweile eine Reihe großer Medienkanzleien, die ihr Geld damit verdienen, eine unerwünschte Berichterstattung über Klienten schon im Vorhinein zu stoppen. Mit großem Aufwand werden einstweilige Verfügungen verschickt und die Schreiber und Journalisten werden finanziell zermürbt. Solche Prozesse können sich lange hinziehen und wenn ein Publizist über wenig Geld verfügt, kann er nicht lange mithalten. Schon einige unserer Mitglieder mussten diese Privatzensur über sich ergehen lassen. Ein Buch und ein Aufsatz in unserer Zeitschrift BIG mussten sich zahlreiche Schwärzungen gefallen lassen. In dem Buch wurden nur Lappalien beanstandet, damit sollte die Verbreitung der unwiderlegbaren Tatsachen unterbunden werden. Leider lässt unser Presserecht solche Vorgehensweisen zu, wodurch die Pressefreiheit langsam aber sicher ausgehöhlt wird. BCC hat schon lange einen Rechtshilfefonds mit Namen Pro Veritate gegründet, mit dem wir Spenden sammeln, um solche Prozesse gegen Autoren finanziell unterstützen zu können.

 

Welche Rolle spielen die Lehren von Karl Marx in Ihrer Arbeit?

Ohje, eine ideologisch umkämpfte Theoriefrage. Da wir eine kapitalkritische Organisation sind, spielen solche Fragen natürlich immer auch eine Rolle. Da wir aber für alle Menschen offen sind, die sich mit dem Phänomen "Wirtschaftskriminalität" beschäftigen möchten oder Opfer von Wirtschaftskriminellen geworden sind, spielen sie nicht die Hauptrolle. Da Marx eine der gründlichsten Kapitalismuskritiken vorgelegt hat, dienen uns - soweit sie noch tauglich sind - seine wissenschaftstheoretischen Erkenntnisse und Methoden als Hilfsmittel, das System und seine Fehler zu analysieren. Wahrscheinlich haben viele Mitglieder eine unterschiedliche Meinung dazu, daher kann ich nur persönlich antworten. Ich finde, dass Marx zu einem bestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit eine kluge Analyse der damaligen Ökonomie vorgenommen hat. Doch die Ökonomie hat sich - nicht zuletzt durch den Einfluss der marxistischen Arbeiterbewegung selbst - verändert und vieles ist nicht mehr anwendbar. Er hat jedoch erkannt, weshalb der Kapitalismus an sich krisenanfällig ist und dass es in diesem System nicht primär um die Versorgung der Menschen mit Bedarfsgütern, sondern um die Steigerung des Profits geht. Er hat lange vor unseren heutigen Krisenerscheinungen treffend die Monopolisierung und deren Folgen beschrieben. Er hat sich theoretisch erarbeitet, dass das System "Kapitalismus" darauf hinausläuft, dass am Ende ein paar wenige über das Kapital und damit die politische Macht verfügen und die breiten Massen im Elend leben werden. Global betrachtet, hat er bisher Recht behalten. Geirrt hat er, wenn er dachte, dass wenn es der Masse erst schlecht genug gehen würde, würde sie revolutionär für den Kommunismus eintreten, der von den Arbeitern durchgesetzt wird. Mit Blick auf die Geschichte warne ich persönlich auch davor einer wie auch immer gearteten Dogmatisierung von Theorien und Ideologien zu verfallen. Der Marxismus ist ja wohl auch weniger zu seinen Lebzeiten als im Nachhinein kreiert und ausgebaut worden. Marx kann uns zwar noch viele richtige ökonomische Erklärungen bieten, aber keine Antworten auf unsere heutigen Fragen geben. Jeder muss sich ganz für sich selbst die Gesellschaft anschauen und sich fragen ob er damit zufrieden ist. Wenn nicht muss er gemeinsam mit anderen nach Lösungen suchen und dafür Mehrheiten gewinnen.

 

Die Information der Menschen über Probleme ist eine Seite. Wie bringt man Sie aber dazu, aktiv zu werden und Dinge zu verändern?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube allerdings nicht, dass man die Information über Probleme von der "Aktivierung" von Menschen trennen kann. Gerade in unserem Bereich wissen leider viele Menschen nicht, warum sie selbst davon betroffen sind, warum sollten sie also etwas unternehmen. Ich wage zu behaupten, dass es für die wenigsten selbstverständlich ist, die Wirtschaftsnachrichten zu lesen und danach die Bedeutung für das eigene Leben und unsere Gesellschaft zu analysieren. Hingegen wenden sich häufig Leute an uns, die in irgendeiner Weise plötzlich persönlich Opfer wurden. Wenn zum Beispiel ein giftiges Holzschutzmittel mir meine Gesundheit ruiniert hat und ich bemerke, dass da jemand illegal auf meine Kosten Profit gemacht hat, werde ich aufmerksam auf Zusammenhänge. Ohne Information über die Gefahren oder eigene Betroffenheit keine Aktion.

Ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung über Zusammenhänge und zu den positiven Seiten der Finanzkrise (die ja durchaus auch mit kriminellen Handlungen herbeigeführt wurde)für Unternehmen: Seit ein paar Monaten findet man in den Wirtschaftsnachrichten Meldungen darüber, dass Aktiengesellschaften aus dem medizinischen Bereich Kapitalerhöhungen vornehmen. So zum Beispiel Fresenius oder die Rhön Klinik AG. Die Begründung: Den Kommunen wird es in den nächsten Jahren so schlecht gehen, dass sie wahrscheinlich zunehmend kommunale Krankenhäuser verkaufen müssen. Man möchte also zur Stelle sein und bei den Summen die im Spiel ist traue ich den Unternehmen zu, über verlässliche Analysen zu verfügen. Ich habe noch keinen Aufschrei gehört, der wird wohl erst kommen wenn so ein Klinikverkauf abgewickelt wird, dabei steht es doch schon lange in der Zeitung.

 

Der Verein BCC existiert seit knapp 20 Jahren. Würden Sie sagen, dass sich das Engagement lohnt? Gibt es konkrete Erfolge auf die Sie verweisen können?

Diese Frage beantworte ich mit einem Auszug aus der Wikipedia über unsere Organisation:
Einzelne Mitglieder leisteten wesentliche Beiträge zur Aufdeckung und Skandalisierung von Korruption, Amtsmissbrauch und Veruntreuung. Konkrete Beratung leistet der Verein für Opfer von Wirtschaftskriminalität - vor allem für Arbeitnehmer, Selbständige und kleine und mittelständischer Unternehmer -, die Arbeitgebern, Banken, Versicherungen oder Konkurrenten mit illegalen Mitteln ruiniert worden waren. Für das Jahr 2009 hat BCC seinen Hauptaugenmerk auf das Thema Arbeits-Unrecht [5]gelegt.
BCC leistete in den 1990er Jahren Beiträge, Wirtschaftskriminalität als wissenschaftliches und publizistisches Dauerthema zu etablieren. In einem Sammelband der BCC-Gründer Hans See und Dieter Schenk beleuchtete BCC-Mitglied Erich Diefenbacher bereits 1992 zum ersten Mal die Funktionsweise Liechtensteiner Stiftungen bei Geldwäsche und ähnlichen Transaktionen. Im Oktober 1996 fand in Frankfurt am Main ein von BCC (zusammen mit der FH-Frankfurt) veranstalteter Kongress zum Thema Wirtschaftskriminalität - Kriminelle Wirtschaft statt, der durch einen von Hans See und Eckart Spoo herausgegebenen gleichnamigen Sammelband (Heilbronn 1997) dokumentiert ist. Werner Rügemer war der erste Autor, der Zusammenhänge im Skandal um die Kölner Müllverbrennungsanlage publizierte.[6] Jürgen Roth setzte in seinen Veröffentlichungen das Thema Mafia in Deutschland auf die Tagesordnung.
Dieter Schenk hat durch seine Veröffentlichungen zur NS-Kontinuität im 1951 neu gegründeten Bundeskriminalamt (BKA) erheblich dazu beigetragen, dass sich die Behörde im Jahr 2007 erstmals kritisch mit ihrer Gründungs- und Vorgeschichte befasst hat [7] [8].
Ab dem Jahr 2000 gelangte durch Tätigkeit von BCC-Mitgliedern die Praxis des Cross-Border-Leasings (CBL) in Deutschland zunächst ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Aufgrund des wachsenden, auch von BCC (zusammen mit attac und Anderen z.B. in Frankfurt am Main) organisierten Widerstandes wurde in den Folgejahren die Praxis des CBL weitgehend eingestellt.

 

Was kann der einzelne Bürger tun, dass die Wirtschaft sich an die Gesetze hält?

Wir versuchen seit 20 Jahren eine Öffentlichkeit herzustellen. Unser Leitspruch heißt "Ein Weg entsteht indem man ihn geht". Zunächst sollte man sich daher nicht jeden Tag ins Gedächtnis rufen, dass man eh nichts verändern kann. Eine Veränderung beginnt schon damit, dass man sich informiert und sich mit anderen austauscht. Informierte Menschen kann man nicht so einfach hinters Licht führen wie unwissende. Wir leben in einem demokratischen Staat und die Politik hängt - auch wenn das scheinbar immer weniger Menschen glauben - von der Zustimmung der Wahlberechtigten zu Parteiprogrammen und dem Druck ab, sie auch umzusetzen. Doch viele resignieren oder können aufgrund von Uninformiertheit und Irreführung sich nicht angemessen politisch artikulieren. Politische Teilhabe setzt mündige informierte Bürger, und Information Transparenz voraus. Alleine können man nichts tun, außer andere auf die Probleme aufmerksam machen. Dann kann man gemeinsam dagegen vorgehen. Zum Beispiel in dem man Mitglied bei uns wird :-)

 

Wie können unsere Leser Sie unterstützen?

Wir freuen uns natürlich immer über neue Mitglieder, die sich gerne mit viel oder auch wenig Arbeit an unseren Aktionen beteiligen können. Ansonsten kann man sich mit einem Abonnement unserer Zeitschrift vierteljährlich und über unsere Webseiten (wird noch ausgebaut) täglich mit Informationen eindecken, die nicht in den Mainstream-Medien zu finden sind. Mit den Verkaufspreisen des Magazins unterstützen Sie unsere Unabhängigkeit. Mit Spenden an den Verein helfen Sie uns bei unserer Arbeit oder unterstützen mit unserem Rechtshilfefond die Autoren, die Opfer von Privatzensur werden. Alle erforderlichen Kontaktdaten, finden Sie am Ende dieses Interviews.

 

Welche anderen Initiativen können Sie empfehlen?

Interessant ist die Coordination gegen Bayer Gefahren, eine Organisation, die alle Aktivitäten Bayer-Konzerns auf der ganzen Welt versucht zu beobachten. Dann wären da noch Lobbycontrol oder Attac. Ein Besuch lohnt auch auf der Seite www.anti-bertelsmann.de.

 


Website des Vereins:
http://businesscrime.de/


Kontakt:

Verena.herzberger@t-online.de

Business Crime Control e.V.
Postfach 1575
63465 Maintal


Bankverbindung und Spendenkonto:
Sparkasse Hanau
BLZ 506 500 23
Kontonummer: 531 400 83

Sonderspenden-Konto PRO VERITATE:
Sparkasse Hanau
BLZ 506 500 23
Kontonummer: 530 024 73

 

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