Konservative Rebellen

Die neue Qualität der Ludditenbewegung zeigte sich wie bereits erläutert in ihrem hohen Organisationsgrad. Sie schlossen sich in Gruppen zusammen und erhielten Unterstützung von Seiten der einheimischen Bevölkerung. Sie gingen gezielt vor und wählten ihre Opfer mit Bedacht aus und sammelten zudem Geld für ihre Sache. Maskiert oder verkleidet, sich über Zeichen verständigend, erschienen sie plötzlich in bewaffneten Gruppen mit Kommandeuren, wobei oft einer in der Anführerposition sich als General Ludd zu erkennen gab. Jeder Angriff offenbarte somit ein hohes Maß an Planung und methodischem Vorgehen. Für die Verlierer des Prozesses der Maschinisierung oder für die, die sich als solche empfanden, war es eben ein leichterer Schritt, sich zu organisieren. Will man die Ludditen nun als sichtbares Zeichen eines reibungsvollen historischen Übergangs von einer gesellschaftlichen Ordnung zu einer neuen verstehen, dann darf man nicht vergessen, dass sowohl das paternalistische Modell ein Ideal war wie auch das Modell des freien Marktes nie in Reinkultur im 19. Jahrhundert existiert hat.
Dennoch: der Lackmustest der Einführung einer nichtintegrierten freien Marktwirtschaft zeigte an Stellen der moral economy einige unangenehme Verfärbungen: die luddistischen Aufstände schlugen dort aus, wo die normintegrierte Gesellschaft in ihrem Bestehen gefährdet war. Der Einsatz von Maschinen wurden nicht per se abgelehnt, doch war er Symbol für den Umbruch von dem bekannten sozial eingebetteten Wirtschaftssystem hin zum freien Markt. Die Ludditen können als Nachweis dieses Umbruchs dienen. Die Rebellen dieser so genannten Rebellion waren also in ihrem Bewusstsein ausgeprägt bewahrend orientiert, wenn man so will: konservativ.
Und was bleibt? Der großartige Schriftsteller und Philosoph Thomas Pynchon stellt die Frage nach der aktuellen Relevanz: "But we now live, we are told, in the Computer Age. What is the outlook for Luddite sensibility? Will mainframes attract the same hostile attention as knitting frames once did? I really doubt it. Machines have already become so user-friendly that even the most unreconstructed of Luddites can be charmed into laying down the old sledgehammer and stroking a few keys instead."

Luddismus ist weder en vogue (die Web-Site der so genannten Neo-Luddisten ist seit einiger Zeit tot), noch hätte er irgendeine Aussicht auf Erfolg. Wenn man aber ihre Geschichte kennt, so erinnern doch die Demonstranten in Argentinien, die durch ihre wirtschaftliche Notlage mit ihren Protesten automatisch politisch agieren, in manchen Mustern an die Ludditen und das Schlagen der Töpfe, diese a-tonale Protestmusik, an die "rough music" der Protestler - aber das bedürfte einer weiteren Arbeit.



Text: Erik Piltz

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