SIKHARA Interview

 

SIKHARA besteht zur Zeit aus Projekt-Gründer Scott Nydegger, Jahrgang 1974, geboren in Iowa/USA und Yann Geoffraud, geboren 1980 in Bordeaux / Frankreich. Die Band entstand 1999 irgendwo in North Carolina, der Name bezeichnet den heiligsten Bereich tibetischer Tempel, in dem sich die Mönche aufhalten.

Die Grundidee von SIKHARA besteht darin, alte Kulturen und Musikformen miteinander zu verschmelzen, wie die Traditionen der Indianer, der Maori oder den für die Mongolei typischen Obertongesang. "Die Entstehung der einzelnen Titel benötigt immer eine ganze Menge Zeit, ist regelrechte Forschungsarbeit", erklärt Scott. Als Quellen dienen ihm neben Tonspuren von Dokumentationen oder Aufnahmen aus der Congress Library und anderen Bibliotheken vor allem eigene Aufnahmen, denn Nydegger ist ein Weltreisender. In den letzten fünf Jahren besuchte er nicht weniger als 23 Länder, mit nicht viel mehr als seiner Technik im Gepäck. So führten ihn seine Reisen im Jahr 2002 u.a. nach Japan, wo er gemeinsam mit Mönchen im 1.400 Jahre alten Zenjouki Tempel in Osaka musizierte. All die Einflüsse und Eindrücke zu einem eigenen Werk zusammenzufügen scheint schwierig, doch Scott erklärt das Verfahren: "Für gewöhnlich beginne ich die Stücke mit Stimmen". Aus verschiedenen Quellen stammende Spuren werden miteinander kombiniert bis eine Art Klangkollage als Basis entsteht. "Dann ‚weiß' ich intuitiv, welche Drumparts dazu passen", fährt der Amerikaner fort, dessen musikalische Wurzeln im Noise Rock (TEMPLE OF BOUMATIN) liegen. Musik und das Spielen in Bands gehört für ihn einfach zum Leben dazu. Das Gleiche gilt für seinen französischen Mitstreiters Yann. Der spielt in nicht weniger als sechs Bands, sein Hauptprojekt nennt sich GEORGE BITCH JR., eine "digital grindcore"-Kombo. Kennen gelernt haben sich die beiden in Paris bei einer "freak drug party", wie sie es selbst beschreiben. "Scott hat als Schlagzeug Ölfässer gesucht", erinnert sich Yann. "Wir haben dann auch welche hinter einer hohen Mauer gefunden. Nach der Show wollten wir sie wieder zurückbringen, damit es keinen Ärger gibt. Dabei ist Scott die Mauer runtergesegelt und blieb dann wie tot liegen. Ich hab nur noch ‚Scheiße, der ist hin' gedacht." Gleich nachdem sie dieses Abenteuer überstanden hatten, entschieden sie sich, gemeinsam auf Tour zu gehen.
Wenn Scott nicht unterwegs ist, lebt er zurzeit hauptsächlich in Portugal, ein Land, das er trotz seines ständigen Fernwehs als Heimat bezeichnen würde. Wenn es eine ideale Gesellschaft gibt, dann laut Scotts Beschreibung hier. Alles ist wesentlich entspannter und die Menschen sind noch aufrichtig freundlich zueinander. Doch wie steht er zu seiner "richtigen" Heimat? "Musikalisch hat es mir in den USA gut gefallen. Man hat viele Möglichkeiten da", erzählt er. "Das tägliche Leben ist dagegen weniger schön. Man fühlt sich so beobachtet." Allerdings vermisst er das "radonstudio", eine lose Künstlervereinigung in seiner Heimat. Ursprünglich war "radon" mal ein Studio, daher auch der Name, mittlerweile ist es Präsentationsplattform, Booking Agentur und vieles mehr. Gründer und wichtigstes Mitglied ist Steve McKay von den Stooges, dessen Wirken Scott auch als Vorbild für seine Arbeit betrachtet. Besonders gefällt ihm, dass über radonstudios Musiker verschiedenster Herkunft miteinander in Dialog treten.
Das Typische an SIKHARA ist daher auch das Zusammengehen verschiedenster Musik-Stile, die auch aus den unterschiedlichen Geschmäckern der Mitstreiter resultieren, von Heavy bis Electronic. Als wichtigste Inspiration nennt Scott trotz seiner Reiseerfahrungen Filme. An den musikalischen Quellen interessiert ihn weniger die religiöse Seite, sondern der psychologische Aspekt. So schwärmt er von der Energie der Suffis, die in deren Gesängen und Tänzen zum Ausdruck kommt. An einen Gott glaubt er jedoch nicht. Vielleicht liegt einer der Gründe dafür in seiner Herkunft aus dem Bible Belt, dem christlich-fundamentalistischen Mittelpart der USA. Yann's Vorstellungen dagegen schließen den Gedanken an eine göttliche Macht ein, er ist überzeugt, dass es machtvolle Wesenheiten gibt. Ein Grund, sich zu streiten, ist das jedoch nicht.
Einem Gott haben beide abgeschworen - Mammon, dem Geld. Scott hat völlig mit dem Besitz materieller Dinge gebrochen (mit Ausnahme seines Equipments zum Musikmachen), Yann legt keinen großen Wert mehr darauf. Er nennt ein Zimmer in einem besetzten Haus sein eigen, seine sieben Sachen sind aber über drei Plätze in Paris verteilt. Wenn er doch einmal daheim ist, organisiert er Konzerte, statt Reichtümer anzuhäufen. Seine Zeit verbringt er lieber damit zu reisen und mit verschiedenen Musikern zu spielen. "Viele Leute haben etwas gegen den Kapitalismus", erklärt Scott, "können sich aber nicht von all den unnötigen Dingen trennen." Er hat einen radikalen Schnitt gemacht, ein fanatischer Prediger der Armut ist er deswegen aber nicht: "Jeder muss seinen eigenen Weg gehen." Yann erzählt, dass nicht wenige sie beide schon beneidet hätten, und sich wünschten, so in der Welt herumzureisen. "Getan hat sie es aber noch keiner", so Yann.

Am unsteten Leben der beiden - sechs Monate Tour im Jahr - wird sich in nächster Zeit wenig ändern. Wenn es ihnen die Zeit und die Möglichkeiten erlauben, sollen quasi unterwegs neue Veröffentlichungen entstehen und auf verschiedenen Labels erscheinen.

 

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