Die Wurzeln dieser haarsträubenden Geschichte liegen in einem Jahrhundert, in dem die Forschung schneller vorankam als der Verstand, in dem man versucht hat, das in Erklärungsnot geratene Christentum zu verlassen, um sich neuem oder altem Glauben zuzuwenden. Die Romantik überlebte nur in einer stumpfen Germanenverehrung, der, durch die Euphorie der Reichsgründung, die buchstäbliche Krone so aufgesetzt wurde, daß selbst Nietzsche strammstand. Das Zeitalter der Archäologie und der Anthropologie, des - von Darwin ungewollten - Biologismus ("struggle for life"), brachte viele Blüten hervor. Helena P. Blavatsky, ein in Paris lebendes Medium aus Russland, gründete nach mehreren Indien-, Tibet- und Ägyptenreisen 1876/77 die "Theosophical Society". Sie war es, die das, damals beinah grundlegend Rassistische mit den Mythen der Inder, dem ägyptischen Totenbuch und den alten Kulten aus Tibet verband, sie begründete die Esoterik in ihrer heutigen Form. Erstaunlicherweise haben dann die "Pionier-"Nazis 1918 geheimkultartig gerade auch den fernöstlichen Touch dieser "Geheimlehre" (so der Titel des Hauptwerkes Blavatzkys) in die Thule-Gesellschaft integriert, was später sogar in einer Tibet-Expedition des "SS-Ahnenerbes" 1938 gipfelte. Das frühe Thule-Mitglied Himmler hatte besonderes Interesse an mysteriösen, alten Schrifttafeln, von denen Blavatsky nach eigenen Angaben die Grundzüge der Theosopie gelernt hatte. Theosophie bedeutet Gottesweisheit, ist die Lehre der arischen Ur-Religion, der wahren Spiritualität, die sich in allen Kulten und Religionen in Ähnlichkeiten offenbahrt, die sich in Resten überall befindet und mit deren Auffindung und Reanimierung das Neue Zeitalter eintritt. Die Germanen waren besonders nah am Urglauben, ein besonders lustiger "Beweis" dieser Zusammenhänge wurde von Lanz von Liebenfels (Herausgeber der "Ostara-Hefte, die Bibliothek der Blonden", ein Groschenheft, das vom jungen Hitler in Wien begeistert gelesen wurde) geliefert, der hier unkommentiert stehen soll: "Karma-Garma-Garmana-Germane".

Die Urreligion entwickelte sich nach Blavatskys Tod zum wilden Kraut. Rudolf Steiner, der spätere Begründer der Waldorfpädagogik, gründete die "Anthroposophische Gesellschaft" und distanzierte sich vom agressiv-rassistischen Weltbild, in dem das Zersetzende ausgerottet werden muß. Er war eher der Meinung, das die Minderwertigen von allein aussterben werden. In Deutschland erschufen die Anthropologen Guido von List und Hermann Wirth die neue Wissenschaft Ariosophie. Die katholische Dreieinigkeit wurde zum germanischen Urgespann Wodan-Wili-We, die Bergpredigt zu einem nordisch-buddistischen Dokument und die minderwertigen dunklen Mischlinge wurden zum monotheistischen Juden zuammengekürzt, den es zum Wohle der Spiritualität herauszukreuzen galt. Atlantis wurde zu Thule, dem Schoß der Germanen, deren Weisheit in den Runen liegt. Zur Rettung der Rasse gab es verschiedenste Vorschläge, manche übertrugen Darwin auf den Menschen, andere veröffentlichten Bücher über die Züchtung (quasi Zurückzüchtung) von Ariern und wieder andere meinten, man müsse die Minderwertigen "verschneiden und entfruchten" (Liebenfels in "Theozoologie"). Die düstere, verderbliche Rasse ist Schuld am Untergang Atlantis´, der Vertreibung aus dem germanischen Paradies.


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