Das 15. Wave Gotik Treffen steht vor der Tür und natürlich macht sich auch das debil-Team auf den Weg ins nahe gelegene Leipzig. Das Programm ist wieder mal sehr üppig, der Preis mit 56 Euro für das Angebot OK. Nun hat es unsere kleine Plattform nicht so sehr mit den Mainstream-Gothic-Bands, trotzdem findet sich wieder einiges Interessantes.

Zu allererst freue ich mich auf ein Wiedersehen mit den italienischen Death Rockern von CHANTS OF MALDOROR, mit denen das debil schon einmal ein Interview führte (Heft Nummer 5). Schauen wir, wohin sich das Quartett entwickelt hat. Die Snippets aus dem letzten Album ("Every Mask Tells The Truth", 2005) versprechen eine Weiterentwicklung des ein wenig an Christian Death zu Rozz Williams-Zeiten erinnernden Stils.
Ebenfalls gespannt bin ich auf den Auftritt von ECHO WEST, deren Frontmann Dirk ich beim 2004er Flammenzauber als sehr sympathischen Zeitgenossen kennen lernte. Typisch für sein Projekt, welches er zusammen mit Adrian Köhler betreibt, ist die ansprechende Mischung aus Minimal Electro, Synthie Pop, Wave und Angstpop á la SPK. Das Ergebnis ist stets elektronisch und zeichnet sich durch eine allgegenwärtige Melancholie aus, die den Hörer sofort gefangen nimmt. (Ein Interview mit Echo West findet Ihr hier).
Auf jeden Fall etwas fürs Auge dürfte der Auftritt der amerikanischen GENITORTURES werden. Wenn Frontfrau GEN über die Bühne rockt, bleibt keine Männerhose trocken. Harte Metal-Riffs, treibende Drums, Hardcore-artiger, aggressiver Vortrag und wilde Show sprechen sicher vor allem den Teil der Grufti-Szene an, der Marilyn Manson und Artverwandtes hört. Die energetische Show und die saftige SM- und Fetish-Ästhetik sollte aber auch andere begeistern.
Eine richtige Legende der Szene, wenn auch heutzutage nur noch wenigen ein Begriff, tritt mit JAMES RAYS GANGWAR an. Besagter James Ray gehörte zu Godfather Eldritchs Begleitern auf dem einzigen und einzigartigen Sisterhood-Album. Aufgrund rechtlicher Probleme mit den Ex-Kollegen konnte der Meister selbst nicht singen und James Ray musste ans Mikro. Später veröffentlichte der Engländer unter verschiedenen Projektnamen mehrere Alben in Eigenregie, die einem weiten Stilmix von Gothic Rock bis Techno abdecken. Die ebenfalls angekündigten 4080 Peru sind das aktuelle Projekt von James Ray. Traut man dem Material auf der Website, so wird das ein eher ambientes Vergnügen.
Gute alte Bekannte, trifft man immer gern und so ist ein Besuch bei Lydia Lunch ebenso Pflicht, wie bei den LEGENDARY PINK DOTS. Letztere feiern in diesem Jahr ihr 25-Jähriges Bühnenjubiläum. Eine lange Zeit, die die Holländer dazu genutzt haben, zahllose Alben voller psychedelischer Perlen zu veröffentlichen, die live aufgeführt zum Besten gehören, was Musik sein kann. Die Intensität mit der Frontmann Edward Ka-Spel seine Stücke vorträgt, ist manchmal erschreckend, stets lauert der Wahnsinn hinter den harmonischen Klängen.
Einem ganz anderem Wahnsinn hat sich die amerikanische Sängerin, Dichterin und Schauspielerin LYDIA LUNCH verschrieben: In ihren Spoken Word Performances und Konzerten seziert sie genüsslich festgefahrene Vorstellungen, stellt die Geschlechterrollen auf den Kopf und jagt Männern Angst ein. So eine starke Frau ist den meisten dann doch etwas unheimlich.
Wie die Pink Dots sind die englischen IN THE NURSERY schon 25 Jahre im Geschäft. Das Musikprojekt der Zwillinge Klive and Nigel Humberstone. Nach einer EP aus dem Jahre 1983 und zahlreichen Compilation-Beiträgen veröffentlichten die beiden 1986 ihr erstes Vollzeit-Album "Twins". Seither versorgt das Brüderpaar seine Fans in schöner Regelmäßigkeit mit neuem Material, das ganz nach Konzept des Albums mal eher poppig, dann wieder klassisch inspiriert ist. IN THE NURSERY haben bereits mehrfach Filme mit Soundtracks unterlegt, darunter den deutschen, expressionistischen Film "Asphalt" von 1929.
Nachdem Douglas McCarthy in der letzten Zeit wieder von sich Reden machte (mit Terence Fixmer und der CD "Between The Devil..."), schien es nur eine Frage der Zeit, wann der Brite sein Hauptprojekt NITZER EBB wieder belebt. Und siehe da, die Ebbheads können jubeln, die EBM-Helden sind in Originalbesetzung zurück. Vor drei Jahren konnten DAF - die Vorbilder der Band - auf dem WGT überzeugen, ein Jahr später Fixmer und McCarthy und nun ist NITZER EBB dran. Wenn die beiden Keyboard-Jungs sich tapfer schlagen, kann eigentlich nichts schief gehen, schließlich hat ihr Sänger einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Für alle, die schon mal vorhören wollen, gibt es jetzt eine Retrospektive des NE-Schaffens unter dem Titel "Body Of Work 1984 - 1997" als Doppel-CD.
Italiens Musikszene ist hierzulande längst nicht mehr nur für Schmusepopper und Giana Nanini bekannt. Im Süden Europas gibt es ebenfalls eine starke Neofolk-Szene zu deren wichtigsten Vertretern neben Ain Soph SPIRITUAL FRONT, das Projekt von Simone Salvatori, gehört. Das erste Werk des Römers hieß "Nihilist" und dieser Name ist programmatisch für sein Schaffen. Soeben ist mit "Armageddon Gigolo" das zweite Album von SPIRITUAL FRONT erschienen, ein "Suicide Pop Manifest", wie es Salvatore nennt. Im Gegensatz zu vielen Neofolk-Bands hierzulande, bezieht SF dekadente Jazz-, Lounge- und Filmmusik in sein Schaffen ein, die mit Simones misanthropischem Sprechgesang eine stimmungsvolle Mischung eingeht.
Im Neofolk und in der Neoklassik beheimatet, ist die französische Band ROSA CRUX, die hierzulande nur wenig bekannt ist. Vor einigen Jahren überspielte mir ein Freund das Album "Proficere" auf Kasette (ja, das Medium gab es mal!) und ich habe selbige vor kurzem erst wieder entdeckt. Umso erfreulicher die Nachricht, dass die Franzosen beim diesjährigen WGT auftreten. Ich bin schon gespannt, wie ROSA CRUX die bombastischen Melodien live umsetzt, zumal die Website eine richtig spannende Performance verspricht.


Abschließend noch einige Tipps für die Freunde des Krachs. Das Highlight schlechthin wird der erste Auftritt von PROPERGOL. Das Power Noise-Projekt des französischen Noise-Terroristen Jérôme Nougaillon gehört zu den absoluten Helden des Industrial-Undergrounds. Der Name steht für einen Raketentreibstoff und das ist auch die passende Bezeichnung für die harten Krach-Attacken des Franzosen. Mal sehen, was sich der Meister für die Live-Umsetzung ausgedacht hat…
Spannend dürfte auch der Auftritt von NOVY SVET werden. Begonnen haben die beiden Wiener - Jürgen Weber und Frl. Trost - mit der Vertonung eines Kurzfilmes, ihr erstes Album erschien unter dem Titel "rumorarmonio" auf Albin Julius' Label HauRuck!. Mittlerweile betrieben die beiden eine eigene Plattenfirma Nekofutschata, die Künstler wie Mushroom's Patience, Dernierè Volontè und Foresta Di Ferro veröffentlicht. Die Musik von NOVY SVET selbst ist nur schwer zu beschreiben, eine wilde Mixtur aus Folk, Minimal Elektronik, Industrial, Free Jazz, Krautrock und Noise, die mit jedem Tonträger um neue Elemente erweitert wird.
Bei LAND:FIRE handelt es sich um ein Nebenprojekt des deutschen Ambient-Kollektivs Herbst9. Die Richtung ist damit vorgegeben - Dark Ambient, mit leichten Power Noise-Einflüssen. Seit der Gründung 1999 haben die Leipziger vier Tonträger veröffentlicht, zwei davon bei Tesco. Mitte Mai sind sie bereits live in ihrer Heimatstadt zu erleben.
DIETER MÜH ist nicht etwa ein deutscher Avantgarde-Künstler, sondern ein britisches Duo, über das auch die eigene Homepage nicht allzu viel verrät. Auf jeden Fall stehen Dave Uden und Steve Cammack für experimentelle Ambient-Musik, abseits von Pathos und Klischees.
APOPTOSE veröffentlichten 2001 und 2002 jeweils ein Album bei TESCO. Auf dem Ironflame-Sampler "Statement 1961" tauchten sie erneut auf. Seitdem ist es wieder ruhig um das geheimnisumwitterte Dark Ambient-Projekt geworden. Beim WGT werden APOPTOSE erstmals live zu erleben sein.
Ein wenig aus der (Tesco-)Reihe tanzen BEINHAUS, die am ehesten noch mit den Einstürzenden Neubauten zu vergleichen sind. Selbst beschreibt das Quartett seinen Stil als HipHop für die Industrialszene, Schlager für Elektroniker bzw. Noise für das Feullieton. Dem ist eigentlich nichts weiter hinzuzufügen, außer vielleicht noch, dass eine energetische Show zu erwarten ist. BEINHAUS dazu: "Wir geben der elektronischen Musik einen schwitzenden Körper zurück. Unsere Performance ist strapaziös und intensiv. Stahl und Strom, Clicks und Schreie. Unsere Musik braucht die Bühne und das Publikum. Töne, Bilder, Worte werden Waffen."

zusammengestellt von disorder

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