|

Auf nach Leipzig!
Nur noch kurze Zeit, dann ist
es wieder soweit und das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig - diesmal das 17.
- öffnet seine Tore. Bis jetzt haben 161 Künstler ihren Auftritt
zugesagt. Neben allerhand unbekannten Bands und manch Star der Szenehochglanzmagazine
gibt es auch diesmal wieder einiges Sehens- und Hörenswertes auf
den Bühnen der Messestadt zu erleben.
Beginnen wir mit den Szenelegenden, die sich angekündigt haben. Die
größte Überraschung überhaupt ist der Auftritt von
Fields Of The Nephilim. Seit vielen Jahren
ist die englische Band ein echtes Phänomen, eine Ausnahmeerscheinung,
denn das Erscheinen der Band ist häufig genug eine Ausnahme. Groß
geworden in den späten 1980ern, frühen 1990ern gelang es der
Band nie wieder, an ihre alten Erfolge anzuknüpfen. Auf allgemeines
Tamtam folgte meist nur Stille. Gut, Fields Of The Nephilim haben mit
"Fallen" (2002) und "Mourning Sun" (2005) viel beachtete
Lebenszeichen von sich gegeben, der Anschluss an frühere Popularität
ist ihnen damit nicht geglückt. Hoffen wir, dass Carl McCoy diesmal
keinen Rückzieher macht und endlich wieder den Mehlbeutel aus der
Truhe holt und ein echtes "Earth Inferno" entfacht. Der Termin
ist absolute Pflicht!
Nicht mehr ganz so überraschend, das es im vergangenen Jahr bereits
eine Tour gab, ist der Auftritt der Christian Death-Fortsetzung CD1334.
Die Rolle des vor zehn Jahren freiwillig aus dem Leben geschiedenen Rozz
Williams am Mikrofon hat seine ehemalige Lebensgefährtin Eva O. übernommen.
Eine weise Entscheidung, denn wer sonst könnte den Spirit des Death
Rock-Helden sonst glaubhaft wieder beleben? Valor und seine Christian
Death sicher nicht. Die Amis sind zunehmend zur, wenn auch recht
energievollen, Rockband mutiert. Mal sehen, vielleicht kommt es ja zur
Verbrüderung der beiden Fraktionen auf der Bühne.
Neben CD1334 besingt Eva O. auch ihr eigenes Projekt Superheroines,
ebenfalls eine Institution der L.A.-Death Rock-Szene. Hoffen wir, dass
die Damen diesmal nicht wieder zwischen irgendwelche Teenie-Bopper-Bands
in der Agra-Halle gesteckt werden und ich den Auftritt bis zum Ende verfolgen
kann.
Auch von einer Frontfrau geführt, lässt sich The
Skeletal Family in Leipzig sehen. Anne-Marie Hurst, die ursprünglich
für die Knochenfamilie sang, ist jetzt für Ghost Dance tätig,
ihre Stelle nahm Katharina Phillips ein. Dame drei am Mikro und die aktuelle
Chanteuse der Skeletal Family ist Claire BB Banister. Die zeichnet auch
für den Gesang auf "Sakura", dem Erstlingswerk nach der
Wiederbelebung 2005 verantwortlich. Auf dem boten die Briten eher ruhigen
Goth Rock mit allerlei instrumentalen Verzierungen.
Aus deutschen Landen kommen die Fliehenden Stürme,
Der Fluch und Escape
With Romeo. Die ersten Beiden bilden sozusagen den Scharnier zwischen
Punk und Goth. Die Fliehenden Stürme verbinden dabei die Aggression
des einen mit der Melancholie des anderen. Die Band von Andreas Münch,
Andreas Löhr und Stefan Kniel steht für kompromisslose Musik
mit guten, deutschsprachigen Texten, bei denen sich das Hinhören
lohnt.
Der Fluch ist das Nebenprojekt von OHL-Sänger Deutscher W. In der
über 25-jährigen Geschichte der Band brachte man es auf immerhin
sieben Alben, die alle eine gewisse B-Movie-Ästhetik bedienen, sechs
davon erschienen seit 1994. Etwas kontinuierlicher arbeiteten Escape With
Romeo, die im vergangenen April ihr derzeit aktuelles Album "Emotional
Iceage" veröffentlichten. Ihre wavig-poppige Musik beschreiben
die Kölner als "Post Punk meets modern Electronica". Das
trifft es ganz gut, und Bandgründer und Gitarrist Thomas Elbern -
ehemals Mitstreiter bei Pink Turns Blue - kann im Gegensatz zu Deutscher
W. sogar richtig singen.
Ob sich Psychic TV-Frontmann/-frau Genesis
P.Orridge jemals darüber Gedanken gemacht hat, ob er/sie eine gute
Stimme hat, mag bezweifelt werden. Auf jeden Fall besitzt sein/ihr Organ
einen hohen Wiedererkennungswert. Seit 1975 kann man P.Orridge auf Tonträgern
hören, anfangs als Sänger der Industrial-Legende Throbbing Gristle,
später bei Psychic TV und in zahllosen anderen Projekten. Der als
Neil Andrew Megson Geborene ist eine der absoluten Kultfiguren der Szene,
hält er doch mit seinen niemals berechenbaren Arbeiten den Industrial-Gedanken
am Leben und entzieht sich so der Verwertung durch die Musikindustrie.
Psychic TV ist sein "eingängigstes" Kind mit klaren Rockstrukturen,
Blueszitaten und Krautrockanleihen. Auf jeden Fall Musik, die in Hirn
und Bein geht. Dass Genesis jetzt wie eine "Hamburger Lady"
aussieht, ist kein Zufall. Gemeinsam mit seiner leider schon verstorbenen
Lebensgefährtin Lady Jaye überschritt er die Schranken zwischen
den Geschlechtern. He/she is here!
Ebenfalls in die Schublade Industrial-Legende gehört der Schlagzeuger
John Murphy, der mit seinem Projekt Knifeladder
die Messestadt erneut beehrt. Murphy machte Musik mit und als SPK, Whitehouse,
Dogs Blood Order, Death In June, Shining Vril, Kraang
Bei Knifeladder
mischen sich die langjährigen Erfahrungen und Einflüsse zu einem
ganz eigenen Sound, einem heftig-perkussiven Indutrialhybrid mit elektronischen
Loops, live gespielten Drums und Bass und zum Teil ungewöhnlichen
Instrumenten und Klangerzeugern.
Während Knifeladder trotz des Einsatzes von reichlich Technik irgendwie
immer organisch klingen, haben In The Nursery
die synthetische Klangerzeugung zur absoluten Perfektion getrieben. Seit
1983 veröffentlichen Klive und Nigel Humberstone Werke von bezaubernder
Schönheit, irgendwo zwischen Elektronika und intelligentem Synthiepop.
In The Nursery haben schon zahlreiche Soundtracks für vorhandene
und imaginäre Filme geschaffen, auch in Leipzig wird ihre Klangwelt
bewegte Bilder umrahmen.
Persönlich freue ich mich besonders darauf, nach einiger Zeit Mother
Destruction endlich einmal wieder live zu sehen. Das Projekt ging
aus der 1986 von Ex-Death In June Patrick Legas gegründeten Sixth
Comm hervor. Das ursprüngliche Interesse an nordischer Mythologie
wurde mit dem Einstieg von Sängerin und Tänzerin Amodali immer
mehr durch eine allgemeine, schamanische und sehr feminine Komponente
erweitert, ebenso wie das Klangspektrum. Die synthetisch-rituellen Klänge
wurden um Ausflüge in Techno und Trance ergänzt. Auf der Bühne
ist Amodali mit ihrer Performance unumstritten das Zentrum der Aktion.
Titel wie "Birth Of The Seven" oder "Hella Roots"
bringen noch heute einschlägige Tanzsäle zum Kochen.
Wesentlich ruhiger dürfte es bei Andrew King
und Sieben aka Matt Howden zugehen, beides
Vertreter des Neofolk-Genres und wie Amodali begnadete Sangeskünstler.
Während King vor allem durch die Neuinterpretationen traditioneller
Folksongs hervortritt, schreibt Howden eigene, meist sehr zarte und eindringliche
Songs mit klassischen Touch. Musik zum Schweben und Dahinschmelzen.
Dafür wird bei den ebenfalls zahlreich angesagten Krach-Acts sicher
weniger Gelegenheit sein. In Leipzig können wir einen der seltenen
Auftritte der Noise-Helden von Anenzephalia
und Operation Cleansweep bewundern. Zum Tanze
aufspielen werden die spanischen Rhythmus-Industrial-Heroen Esplendor
Geometrico und die unverwüstlichen Die
Krupps.
Für die eher ambienter Fraktion gehen die brillanten Inade
an den Start, die den kürzesten Anreiseweg aller Künstler haben
dürften. Von etwas weiter weg kommen die polnischen Job
Karma, genauer gesagt aus Wroclaw. Ihre abwechslungsreiche und
stimmungsvolle Synthiemusik ist eine echte Bereicherung des Klangspektrums.
Bleibt zu wünschen, dass die Polen auf diesem Wege endlich auch hierzulande
Fuß fassen und Anhänger gewinnen können. Musikalisch und
geografisch mittendrin beheimatet sind Voxus Imp.
aus Dresden, die uns ihre theatralisch-heidnische Weisen zu Gehör
bringen werden. Ich freue mich schon auf das Wiedersehen.
Spannend dürfte auch die Auftritte von Signal
Aout 42, Portion Control und Gerechtigkeits
Liga werden. Alle drei Bands können schon auf eine beachtliche
Lebensdauer und zurückblicken, so sind Portion Control auf dem legendären
"Elephant Table Album" von 1983 vertreten; Signal Aout 42 existieren
unter verschiedenen Namen seit 1986, Gerechtigkeits Liga seit 1981. Während
die zwei ersteren Bands ein Schmankerl für Freunde der elektronischen
Körpermusik sein sollten, bedient die Gerechtigkeits Liga eher Hörer
experimenteller, von klassischer Musik inspirierter Klänge.
Als kleinen Ausflug in metallische Gefilde empfehle ich einen Abstecher
zu Paradise Lost und Tiamat.
Während mir von Ersteren vor allem das härtere Frühwerk
zusagt, konnten Letztere durch ihren Pink Flyod-beeinflussten Sound von
Alben wie "Wildhoney" oder "A Deeper Kind Of Slumber"
bei mir punkten. Zugegebenermaßen habe ich aber ein wenig den Anschluss
verloren, was sich in Leipzig aber wieder ändern kann.
Den Preis für die besten
Namen müssen sich diesmal Militant Cheerleaders
On The Move und Bloodsucking Zombies From
Outer Space teilen. Sollte Zeit und Gelegenheit sein, werde ich
mich überzeugen, ob deren Musik ebenso einfallsreich ist. Definitiv
von guten Einfällen strotzen werden wieder die Texte von Christian
von Aster. Sollte zwischen all den Konzerten Bedarf nach anderen
Kunstformen bestehen, lohnt ein Besuch beim Sprachmagier.
Hoffen wir also auf schönes
Wetter, sinnvolle Planung - wahrscheinlich spielen die wirklich interessanten
Sachen sowieso wieder alle zur gleichen Zeit - und das Fehlen unangenehmer
Zeitgenossen, egal ob Antifa oder unterbeschäftigte Security.
Leipzig, wir kommen!
zurück |