Das WGT steht (direkt) vor der Tür und in diesem Jahr gibt es wirklich nur einen Grund, nicht nach Leripzig zu fahren - die Tatsache, dass man garantiert irgendeine gut Band verpasst. Ich kann mich kaum erinnern, dass es mal ein Jahr gab, in dem so viele interessante Bands gespielt haben. Durchforsten wir also den Plan von vorn nach vorn nach hinten und schauen wir, was so alles von Interesse wäre. Das erste Highlight findet sich schon a Anfang des Alphabets: ALIEN SEX FIEND! Zu den Szeneveteranen erübrigen sich allzu viele Worte - einmal sollte man sie mindestens gesehen haben. Da ich die Briten schon auf der Loreley erleben durfte, wäre ich nicht sooo traurig, sie diesmal zu verpassen. Vielleicht sollte man sich die Chance aber nicht entgehen lassen, Herr Fiend wird auch nicht jünger.
Spannend aus meiner Sicht sind auch die großartigen AMBER ASYLUM mit ihrem mystischen Pop voller Melancholie und Schönheit. Das Schauspielhaus ist der passende Ort für den Auftritt der vier Damen.
ATTRITION aus Großbritannien gehören wie die Fiends zu den alten Haudegen, leider ist der Band um Martin Bowes nie der große Erfolg beschieden gewesen. Attrition stehen für einen schwer einzuordnenden Sound irgendwo zwischen Cold Wave und dem typischen 80ies-Electro-Funk, wie ihn zum Beispiel auch Heaven 17 pflegten.
Bereits sehen durfte ich ex-Malaria-Mitgleid BETTINA KÖSTER, die vor zwei Jahren im Sweat Club spielte. Die Dame ist noch immer sehr energetisch und ihr Konzert war unbedingt sehenswert.
Absolut hörenswert sind die italienischen BLIND CAVE SALAMANDER, die elektronische Musik und Neoklassik zu einer atemberaubenden Mischung verbinden. In Wroclaw durfte ich mich bereits von den Qualitäten der Band überzeugen. Die wird zweifelsohne auch BRENDAN PERRY, den ich in Dresden leider verpasst habe. Wenn diesmal nichts dazwischen kommt, entgeht mir die (bessere) Dead Can Dance-Hälfte diesmal nicht.
Ebenfalls schon gesehen habe ich CATASTROPHE BALLET aber die Wave Rocker gehören zu den Bands, deren "Abtauchen" man wirklich bedauern kann, da die Band um Eric Burton sich immer um Weiterentwicklung bemüht hat.
Richtig heftig dürfte der Auftritt von COBRA KILLER. Annika Trost und Gina D'Orio sehen nicht nur großartig aus, sie machen auch richtig fette Mucke, die live abgeht, wie Schmitt's Katze. Irgendwo zwischen Chanson und Rock'n'Roll.
Sehr spannend für Freunde interessanter Sounds wird der Auftritt von COLIN POTTER. Der gebürtige Amerikaner aus dem Umfeld von Nurse With Wound, Current 93 und Organum hat bereits an zahllosen Alben mitgewirkt, als Toningenieur und Musiker.
Die Auftritte von DIAMANDA GALAS sind immer besondere Ereignisse, kaum jemand kann sich der Ausstrahlung der Sängerin entziehen. Für die einen ist die Amerikanerin die Inkarnation Satans, für die anderen eine unerschrockene Mahnerin. Wie auch immer man zu Galas steht, ihre dreieinhalb (!) Oktaven umfassende Stimme lässt niemanden kalt, egal ob sie wie ein Alien kreischt oder mit rauchigem Bass Jazzstandards intoniert.
Eine der wenigen aktuellen Szenebands, die mir gefallen sind DIARY OF DREAMS, die elektronischen Cold Wave und clubtaugliche Sounds verbinden. Adrian Hates warme Stimme setzt dazu den Kontrapunkt.
Ebenfalls aus Deutschland kommen ESCAPE WITH ROMEO, die zu Beginn der 1990er mit ihrem eingängigen Wave Rock eine wichtige Rolle in der heimischen Schwarzen Szene spielten. Nach langer Pause findet sich die Band um Mastermind Thomas Elbern in Leipzig wieder zusammen.
Eine der Bands, die bei der Explosion von Christian Death entstanden war FAITH & THE MUSE, doch Monica Richards und William Faith sind nicht beim 08/15-Death Rock stehen geblieben, sondern haben ihren Sound in viele Richtungen hin erweitert.
Bei FJERNLYS handelt es sich um das "Seitenprojekt" von Inade-Musiker Knut Enderlein. Wie bei Inade auch spielen bombastische aber dabei differenzierte Synthiesounds eine wesentliche Rolle. Fjernlys ist aber etwas melancholischer, in sich gekehrter mit einem Schuss Popflair.
Völlig unpoppig werden sich die Runen-Magierin FREYA ASWYNN und Sixth Comm-Gründer PATRICK LEAGAS präsentieren. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie die beiden zusammen klingen - ob so wie auf ihrem epochalem Werk "The Fruits Of Yggdrasil" - oder eher wie Sixth Comm? Ist auch egal, denAuftritt darf ich nicht verpassen! Eines der absoluten Muss des Festivals.
Wirklich gespannt bin ich auch auf GENE LOVES JEZEBEL. Die ersten beiden Alben der Briten "Promise" und "Immigrant" waren großartige Goth Rock-Werke voller Wahnsinn und schräger Ideen. Dann wurde die Musik leider immer weichgespülter und uninteressanter…
In der hiesigen Industrial-Szene hat es GENEVIÉVE PASQUIER bereits zu einiger Bekanntheit gebracht. Die weibliche Seite von Thorofon / The Musick Wreckers hat ihren ganz eigenen Sound kreiert, der schräge elektronische Elemente mit Rock-Einflüssen und Cabaret-Melodien verbindet. Unbedingt hörens- und sehenswert.
Richtig fett weibliche Energie gibt es auch bei den GENITORTURERS zu erleben. Die Ami-Industrial-Rocker und sexy Frontfrau Gen lassen es ordentlich krachen. Musikalisch ist das zwar nicht unbedingt sehr innovativ aber gut gemacht.
Wesentlich abwechslungsreicher und interessanter ist da auf jeden Fall GITANE DEMONE. Die ex-Christian Death-Chanteuse weiß mit ihrer Stimme Steine zu erweichen. Die alten Jazzstandards und daran angelehnte eigene Stücke gehen tief zu Herzen. Natürlich hat die Frau auch noch Death Rock im Gepäck.
Von einer anderen bekannten US-Band, namentlich The Swans, kommt JARBOE. Die Musik der Solokünstlerin ist mindestens genauso abgefahren, wie die der Swans. Mir kommt das Ganze wie eine Mischung aus Frau Galas und Frau Demone vor. Auf jeden Fall werde ich mir das anschauen.
JOB KARMA gehören in ihrer Heimat Polen zu den Größen im Bereich elektronische Musik. Das Duo aus Wroclaw pflegt einen ganz eigenen Synthiesound, der eher an Kraftwerk orientiert als an Depeche Mode. Auch optisch hat ihr Auftritt einiges zu bieten - zur Musik gibt es immer künstlerisch anspruchsvolle Videos. Zudem organisieren die Herren von Job Karma das Wroclaw Industrial Festival, eines der besten Festivals im Moment. Da ich schon öfter vor Ort war und die Jungs auch in Prag getroffen habe, sind wir mittlerweile auch persönlich befreundet und ich werde es mir nicht nehmen lassen, vorbeizuschauen.
Spätestens seit ihrem Hit "Feierabend in Kiew" bekannt sind die Norddeutschen KiEw. Dass die Band mehr als ein One-Hit-Wonder ist, haben sie längst bewiesen, mit ihrem schrägem Rhythmus Industrial fallen sie in der Szene positiv aus dem Rahmen.
Die 1979 gegründeten KOMMUNITY FK gehören neben z.B. Christian Death zu den Bands der ersten Stunde der "L.A. Punk Explosion". All zu viele Alben hat die Band nicht veröffentlicht, jedoch einen deutlichen Einfluss auf viele andere Gruppen gehabt haben.
LEATHERSTRIP, das Projekt von Claus Larsen, gehörte Anfang der 1990er zu den Topbands der dunkeln Tanzszene. Persönlich mochte ich den Dark Electro zwar nie aber ich kann durchaus nachvollziehen, dass Leatherstrip viele Fans haben. Die Musik des dänischen Urgesteins ist abwechslungsreicher und intensiver als die der meisten seiner Epigonen.
Ein Muss für Death Rock-Fans sind auf jeden Fall auch die deutsch-italienischen MADRE DEL VIZIO. Vom Zillo wurden sie als "Deutschlands einzig wahre American Goth-Band" bezeichnet.
Angesagt ist eine Band MILITIA aus Italien. Die von mir heiß geliebten Ökoanarchisten Militia kommen aber aus Belgien. Also kurz bei Discogs gesucht und siehe da, es gibt tatsächlich eine italienische Postpunk-Band gleichen Namens. Die gefällt mir dann aber doch nicht so gut.
MONO NO AWARE gehören so wie MS GENTUR zum Hands Label-Umfeld. Der Name des Labels steht für reinsten Rhythmus-Industrial mit Tanzgarantie. Etwas differenzierteren Technosound gibt es von MONOLITH. Hinter dem Projekt steckt Eric van Wonterghem, der auch als Absolute Body Control, Insekt und Sonar macht und bei The Klinik spielte. THE KLINIK, die belgischen Pioniere des EBM spielen übrigens auch auf dem WGT. Neben Marc Verhaeghen gehört noch der umtriebige Dirk Ivens (Dive, Absolute Body Control, Sonar) zum festen Line-Up der Band.
Mit ihrem zweiten Album "Irreligious" konnten die portugiesischen Metaller MOONSPELL Mitte der 1990er in der Schwarzen Szene Fuß fassen. Was de Band in den letzten Jahren so gemacht hat, habe ich nicht verfolgt, damals gefielen mir die bombastischen Goth-Metal-Stücke ebenso wie der sehr eigene Akzent des Sängers beim Vortrag seiner englischsprachigen Texte.
Eine absolute Legende im Bereich der experimentellen Musik sind NURSE WITH WOUND. Das Projekt des Querkopfes Steven Stapleton steht für schräge Musikkollagen abseits aller Popverwertbarkeit. Nurse With Wound sind definitiv eine anstrengende Band aber wer sich dem Sound offenen Ohres nähert, wird darin viel Neues und Interessantes finden.
Mit ihrer Platte Pontifex Maximus eroberten PHALLUS DEI 1991 die Herzen der Freunde psychedelischer Industrialmusik. Mit dem heutigen aus dem Rechner gezogenen Gehacke, der als Industrial verkauft wird, hat Phallus Dei nichts zu tun, vielmehr mit dem Old School Industrial, der sich seiner Wurzeln im Krautrock gewiss ist.Hört man sich die Stücke auf MySpace an, geht es tatsächlich immer mehr in Richtung Psychedelic Rock, wie bei den LEGENDARY PINK DOTS. Die Holländer spielen diesmal auch wieder aber leider musste ich schon feststellen, dass ich es diesmal nicht zu ihnen schaffen werde.
Zu PINK TURNS BLUE bedarf es nicht vieler Worte. Die Band um Mic Jogwer hat mit dem Klassiker "Michelle" vom Album "Eremite" und einen festen Platz in den Playlists vieler Szene-DJs. Seit 2004 nehmen Pink Turns Blue wieder regelmäßig Alben auf, ihr spröder Wave-Rock , der maßgeblich durch die einprägsame Stimme Jogwers geprägt wird, ist unverkennbar.
Es folgen dreimal S - S.E.T.I., SATORI und SARDH. Alle drei Projekte lassen sich grob dem Industrial zuordnen, während die ersten beiden ehr im Dark Ambient und SARDH im Old School Industrial einzuordnen sind. Die Dresdner arbeiten mit zahllosen Klangerzeugern. Rechner spiele hier nur eine untergeordnete Roll. Gesehen habe ich alle Bands schon, weshalb ich diesmal wohl woanders hingehen werde.
Eine weitere Institution des Goth Rock sind die britischen SEX GANG CHILDREN um ihren charismatischen Frontmann Andy. Die Band hat eine Reihe Alben mit noch mehr Hits veröffentlicht, so richtig erfolgreich war man allerdings nie. In der Szene sind die Sex Gang Children aber noch immer eine feste Größe.
Im Bereich Industrial legendär sind die italienischen SIGILLUM S, die vor über 25 Jahren ihren ersten Tonträger veröffentlichten. Ich durfte die Band 2007 beim Wroclaw Industrial Festival erleben und die hypnotisch-rituellen Sounds sind mir in sehr guter Erinnerung geblieben. Sicher schaue ich hier wieder vorbei.
Wenig zu sagen ist über SOL INVICTUS, neben Death In June und Current 93 eine der drei Säulen des Neofolk (Na vielleicht sollte man Fire & Ice noch dazuzählen). Die Band um Tony Wakeford spielt direkte, stets zu Herz gehende Musik. Hoffen wir, dass nicht wieder irgendwelche politischen Wirrköpfe meinen, sie müssten den Auftritt der Band boykottieren.
THE DEEP EYNDE sind mir vor nun mittlerweile schon zehn Jahren mit ihrem Album "Suicide Drive" begegnet. Die Mischung aus Gothic Rock und Psychobilly hat mir sofort gefallen, wenn ich jetzt auf MySpace reinhöre, dann sind die Amis noch ein Stück rockiger und härter geworden. Nicht schlecht!
Aus Belgien kommen THIS MORN' OMINA - wie viele ihrer Landsleute machen sie beatlastige Tanzmusik, wobei der typische Sound hier mit aggressiven Vocals und einer rituellen Komponente angereichert werden. Mir persönlich ist das Ganze allerdings zu straight und damit langweilig. Da sind die fantastischen TWINKLE ganz anders gestrickt. Zwar steht hier nur ein Mann hinter den Maschinen aber der Sound ist extrem abwechslungsreich. Vom Breakbeat über Industrial, Techno bis hin zum Drum'n'Base werden von Twinkle gekonnt verwurstet.
Eine der wenigen "gotischen" Bands aus Deutschland, die ich mir in den letzten Jahren freiwillig angehört und angeschaut habe sind UNTOTEN. Stücke wie "Sperm Finger" klingen nach L.A.-Sound, auf jeden Fall komplett "undeutsch". Die aktuellen Sachen muten allerdings wie ein Abklatsch der unseligen Rosenstolz an. Naja, war dann wohl doch nix.
X MARKS THE PEDWALK sind eine der Bands die ich Anfang der 1990er trotz Elektroallergie mochte. Irgendwie waren die Deutschen wesentlich einfallsreicher als die meisten ihrer Kollegen. Wenn ich mir jetzt allerdings das lahme Clubgeblubber auf der MySpace-Seite von X Marks anhöre, dann bekomme ich nicht gerade Lust, mir das Ganze live anzuschauen.

So, das waren meine Empfehlungen. Sicher werde ich es nur schaffen, einen Bruchteil des Programms abzuarbeiten aber so ist das nun mal beim WGT...

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