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Eraserhead
Eine Industrielandschaft, geprägt
von endzeitlichem Verfall und ganz ohne Romantik. Industrialartiger Soundtrack
klassischen Niveaus und kuriose Charaktere, gepaart mit einer der surrealsten
Storys, die je erzählt wurden: Das ist Eraserhead, zu Deutsch Radiergummikopf,
ein Film der zu Recht seine Fangemeinde hat. Und das obwohl er anfangs
nur nachts in irgendwelchen kleinen amerikanischen Kinos als "Midnight
Movie" lief. David Lynch, der Meister des Surrealen und nicht verstanden
Kinos, ist wohl einer der kreativsten Köpfe die Nordamerika hervorbrachte,
der es versteht, den Zuschauern ein großes Fragezeichen in den Kopf
zu malen.
Dieser Film ist ganz und gar
nicht "einfach". Am Anfang wird der Zuschauer Zeuge einer der
merkwürdigsten Geburten der Filmgeschichte: Ein körperlich entstellter
Mann bringt per Weichenstellung einen missgebildeten Embryo in das trostlose
Leben, Eraserhead. Dieser Akt lässt ahnen, was auf den Zuschauer
zukommt. Ein alptraumhaftes Märchen, in dem er nur die Möglichkeiten
hat, zu interpretieren oder es auf sich wirken zu lassen..
In diesem Leben wartet auch
unser Anti-Held Henry Spencer (Jack Nance), er schaut in die Kamera und
läuft mit einer Tüte bepackt zu seinen Appartement. Er durchläuft
eine Endzeitlandschaft, die weder Zeit noch Raum definiert. Maschinenstampfende
und noisige Klangatmosphäre begleiten unseren einfältig wirkenden
Henry als er seinem Schicksal entgegen geht. Im Hausflur empfängt
ihn seine schöne, geheimnisvolle Nachbarin (Judy Anna Roberts) und
erzählt ihm, dass seine Ex-Freundin Mary (Charlotte Stewart) ihn
bei ihren Eltern zum Essen eingeladen hat. Man kann erkennen, dass ihm
die Einladung Zweifel beschert und er reagiert mit Unwillen. Beim Essen,
wird ihm offenbart, dass seine Ex-Freundin Mary nach einer sehr kurzen
und nicht natürlich erzeugten Schwangerschaft ein Kind zur Welt gebracht
hat. Auf Druck der Eltern kümmern sich Henry und Mary um das Kind,
bis Mary völlig überfordert Vater und Kind verlässt.
In einer Nebenhandlung verführt
die schöne Nachbarin Henry. Der missgebildete Mann vom Anfang, beobachtet
dieses kleine erotische Abenteuer. Vermutlich verkörpert die Figur
das über Gut und Böse wachende Leben und vielleicht ist sie
eine Anspielung auf Gott bzw. ein gottähnliches Wesen. Henrys Alptraum
hat begonnen, ebenso wie sein Weg ohne Wiederkehr. Das Wesen bestimmt
mehr und mehr seinen Alltag und taucht auch immer öfter in seinen
bizarren Träumen auf. Es nimmt immer mehr Raum in seiner Realität
und im Alptraum ein. Als das Wesen erkrankt, sieht Henry sich aus Verzweifelung
gezwungen, dem Wesen eine Schere in dessen Brust zu rammen.
In Henrys Träumen erscheint
ihm hinter seiner Heizung, welche sich als eine Bühne offenbart,
eine verunstaltete blonde Tänzerin mit kugeligen Wangen. Sie präsentiert
sich mit Gesangs- und Tanzeinlagen und zertritt nebenher noch große
Spermien. Henry versucht sich der Dame zu nähern, doch bei dem Versuch
verschwindet sie immer. Die Blonde Dame hackt ihm in einer späteren
Szene den Kopf ab und Henry wird in einer filmtypischen, blutigen Szene
zu einem Radiergummi verwandelt.
Wenn man bedenkt, dass die Entstehung des Films fünf Jahre brauchte
und David Lynch, bis auf Kameraführung und Schauspielerei alles alleine
gemacht hat, dann zeugt dies allein von seiner außerordentlichen
Disziplin bei der Arbeit am Film. Hier offenbart sich Lynchs Durchsetzungswille
bis hin zur völligen Hingabe an seine Arbeiten. Was ihn auch vermutlich
seine erste Ehe gekostet hat. Die gängigen Studios brachten dem Film
nicht allzu viel Liebe entgegen, doch der Kultstatus war ihm sicher. Als
Lohn für diese Arbeit verpflichtete kein Geringer als Mel Brooks
das Talent Lynch für die Regiearbeit zu "Der Elefantenmensch".
"Eraserhead" besitzt
bereits Grundzüge von Lynchs späteren Projekten: Der Fußboden
vor Henrys Appartement erinnert an den so genannten "Red Room"
aus der legendären Serie "Twin Peaks". Die Frau auf der
Bühne verweist schon deutlich auf Julee Cruise, welche später
als Sängerin in "Twin Peaks", "Blue Velvet" und
"Industrial Symphonie" mitwirkte.
Lynch hat das Rad nicht völlig
neu erfunden, aber er entwickelt mit seiner Bildsprache eine für
sich und seine Zeit neue Form des Kinos. Was später in seinen meisten
Filmen malerischer, wie nach einen Bild von Hopper, inszeniert wird, wirkt
bei "Erasehead" lediglich wie eine schwarz-weiße Zeichnung.
Lynch erschafft effektvolle Szenen, so z.B. die Anfangssequenz der Geburt,
das kopflose Hühnchen, der Fötus, die tanzende Frau und natürlich
die Szene, in der Henry zu einem Radiergummi verarbeitet wird, sind alptraumhafte
Kammerspiele.
Besonders ansprechend ist die
Szene in der Henry bei Marys Eltern zu Abend isst, in der sich die skurrilen
Charaktere in dieser Wohnküche zum Essen treffen und Henry versucht,
ein blutendes Hühnchen zu verzehren.
Der Film verfügte gerade
mal über ein Budget von 20.000 $. Ursprünglich war "Eraserhead"
108 Minuten lang. Lynch kürzte ihn auf 89 Minuten, deshalb tauchen
manche im Abspann genannte Schauspieler nicht auf. Dem Film wurde vorgeworfen
dass er psychische Störungen verursachen soll. "Eraserhead"
arbeitet mit verschiedenen Deutungen und Interpretation, was als typisch
für Lynchs Arbeitsweise gilt. Alleine schon seine Herangehensweise
mit einem 21-seitigen Drehbuch zu arbeiten, zeigt dass er ein Meister
des nicht erklärbaren Improvisierens ist. Lynchs Filme zu beleuchten
und dabei noch eine aussagefähige Kritik abzugeben ist schwierig,
er lässt, wie schon erwähnt, dem Zuschauer viel Interpretationsspielraum,
somit weiß man nie, ob die Szene durchdacht war oder der Zufall
eine Rolle gespielt hat. Lynch erklärte bis heute nicht, wie der
Fötus funktioniert hat. Man geht davon aus, dass er einen Kalbsfötus
verwendete. Was aber nichts zur Sache tut, weil die Wirkung der Darstellung
des Fötus bis heute nicht an Kraft verlieren hat.
RV
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