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Throbbing
Gristle & Big Bottom
Samstag 31. Dezember 2005, Volksbühne Berlin
Endlich. Nachdem
der Trip zur Reunion von TG verunglückt war, hatte ich erstmals die Gelegenheit,
die Urväter des Industrial live zu erleben und das quasi vor der Haustür (zumindest
im Vergleich zum Konzert auf der Insel). Die Volksbühne als Austragungsort
versprach ein nettes Konzert, schließlich durfte ich hier schon einen fantastischen
Auftritt von Satanstornade und Whitehouse erleben. Als Nicht-Berliner gehen
mir die ganzen Diskussionen darum, ob das nun ein Schiki-Laden ist oder nicht,
ziemlich weit am Arsch vorbei, klanglich fand ich es beim letzten Mal spitzenmäßig.
Los ging es mit
der "Vorband" Big Bottom, deren bekanntester Vertreter der schwer moshende
Neubauer Axel Hacke war. Fünf "ältere" Herrschaften auf der Bühne, vier (oder
waren's doch alle fünf?) davon mit E-Bass bewaffnet. Was konkret da gespielt
wurde, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall war das Ganze recht unterhaltsam;
eine Art rockiger Soundtrack, sehr druckvoll und energetisch. Nach gut einer
halben Stunde war Schluss und das ging auch völlig in Ordnung.
Nach einer akzeptablen
Pause betraten dann TG die Bühne oder eigentlich das Publikum. Der Vorhang
wurde zurückgefahren, die Band hatte ihr Equipment recht weit hinten aufgebaut,
also stürmte alles auf die Bühne um die vier Aktivisten aus nächster Nähe
zu bestaunen. Die beiden Hauptprotagonisten glänzten durch eher seltsame Bekleidung
- Cosey stand die seltsame Radlerhose nun wirklich nicht und Genesis' Äußeres
mit Goldzahngebiss, Atomtitten und Bierbauch ist nun wirklich gewöhnungsbedürftig.
Die beiden Herren im (Bühnen-)Hintergrund, versteckt hinter ihren Schlepptöpfen,
waren dagegen eher unauffällig. Chris Carter z.B. wäre ohne große Anstrengung
als Sozialarbeiter oder Lehrer durchgegangen…
Nach der ersten Inaugenscheinnahme zu einem recht knarzigen Intro begannen
TG ihre Show mit "Convincing People", womit sie mich sofort auf ihrer Seite
hatten. Das Stück ist einer meiner Lieblingstitel der Industrial-Urväter und
ich sang sehr zum Leidwesen meiner Nachbarn lautstark und falsch mit: "It's
never a way. It's never a day. To convince people" Irgendwie ein sehr programmatischer
Song für diesen Abend, sowohl musikalisch als auch inhaltlich. In den folgenden
anderthalb Stunden brachten die vier Herrschaften dann vor allem neuere Werke
zu Gehör, so z.B. das grandiose "Spitting Sky" vom letzten Lebenszeichen,
dem 2004er Tonträger "TGnow". Auch ein völlig neues Stück war zu hören (Schließlich
soll ja bald ein neues Album herauskommen). Einige wenige Hits wie "Slug Bait"
wurden geboten, das stürmisch geforderte "Discipline" fehlte leider. Zum Schluss
ließen sich TG sogar zu einer Zugabe herab, nicht ohne das Großmeister P.
Orridge verkündete, dass die Band so was normalerweise nicht macht. Nach der
stark verfremdeten "Hamburger Lady" war dann leider wirklich Schluss.
Insgesamt betrachtet
war der Sound brillant und in genau der richtigen Lautstärke-Dosis. Die zahlreichen
Problem mit der Technik dagegen waren einfach nur peinlich. Zwar sorgten die
hektischen Versuche, selbige zu beheben für einige Situationskomik, bei einem
solchen Gig darf das jedoch einfach nicht passieren. Der Fluss des insgesamt
sehr "trancigen" Konzertes wurde dadurch unnötig gestört.
Apropos Fluss - musikalisch war das Konzert nach meiner bescheidenen Meinung
etwas zu einheitlich, von TG hätte man da durchaus mehr erwarten können. Verstörungsfaktor
gleich null. Persönlich gefallen hat mir, Cosey endlich einmal live erleben
zu dürfen, neben ihrem extrovertiertem Kollegen wirkte sie jedoch leider etwas
farblos. Insgesamt jedoch ein sehr angenehmes Pop-Konzert, dass das Gefühl
in mir weckte, dass auch das Leben jenseits der 50 noch seinen Sinn haben
kann. Obwohl man es dann offensichtlich etwas langsamer angehen lässt. Für
mich ist mit dem Auftritt in der Volksbühne das Thema TG live abgehakt, wirklich
Weltbewegendes habe ich schon im Vorhinein nicht erwartet. Sollte sich allerdings
die Gelegenheit ergeben, wieder mal einen Gig der vier "mitzunehmen", dann
werde ich das sicher auch tun. So bleibt nur das
Fazit: Wenn ich
die Truppe in ihrer "wilden" Zeit hätte erleben wollen, hätte ich einfach
früher zur Welt kommen müssen. Pech gehabt.
Ein paar Worte
noch zum ganzen "Drumherum": Verfolgt man die Rezensionen / Diskussionen im
Internet darüber, wer denn nun eigentlich der wahre Fan ist und wer TG verstanden
habe und wer nicht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass - Mythos
hin oder her - die Band genau wieder das erreicht hat, was sie wollte: Die
Manipulation der Medien und der Konsumenten. Wenn z.B. über eine Aussage von
Sleazy diskutiert wird - TG müssten selbst wieder ran, weil in den letzten
20 Jahren keine vernünftige Industrial-Platte erschienen sei - kann ich wirklich
nur in mich hineingrinsen. Herrschaften, habt ihr denn gar nichts verstanden?
Schon mal was von Provokation gehört? Es muss ja nicht immer ein Verbrennungsofen
sein…
Auch die
Diskussion um die Preise ist einfach sinnlos. Niemand wird zu irgendetwas
gezwungen, schon gar nicht dazu, ein 300-Euro-"Uberticket" zu kaufen. Die
30 Euro für die Show inklusive der anschließenden Party waren alles andere
als überzogen. Wer sich darüber aufregt, der muss sich die MAOAM-Frage stellen
lassen: Was willst Du dann?
Das nicht minder sinnlose Geschwafel über "Kunststudenten" oder "kahl geschorene
Stiefelträger" im Publikum ist wieder mal ein beredtes Beispiel für die in
unserem Land grassierende Blödheit. Auch mir gefällt nicht jeder meiner Mitmenschen,
weder optisch noch "inhaltlich". Solange mich aber niemand belästigt oder
angreift, sehe ich keinen Grund, mich wegen abweichenden Verhaltens / Aussehens
aufzuregen. "Leben und leben lassen!" Soll sich doch jeder in TG hineininterpretieren,
was er will. Der Band ist das sicher ziemlich egal. Und mal ganz im Ernst:
Wir leben nicht im Gefängnis. Wem's nicht passt, der kann einfach gehen. Wir
sind auch direkt nach der Show abgehauen, da ich wenig Bock auf irgendwelche
Berlin InnCrowd-Scheiße hatte. Folgt man den Kommentaren in manchen Foren,
war das nicht die schlechteste Entscheidung.
Bilder
von Martyn Flesh
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