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Atrox
- Illusionen und Modulationen (2-CDR, Atacama Records)
Das ist schon fast unanständig:
Zwei CDs, vollgepackt mit Musik, nur ein Titel unter zehn Minuten. Die neueste
Atrox-Veröffentlichung ist ein großer Packen Arbeit für den
Rezensenten. Beginnen wir also mit dem Äußeren. Das ist zuallererst
mal ein DVD-Hülle auf der einen Seite bedruckt mit einem Escher-Bild
und auf der anderen mit einem ähnlich anmutenden, das aber wahrscheinlich
aus einer anderen Quelle stammt. Wer die Bilder des Niederländers kennt,
weiß, dass dieser sich hervorragend auf Illusionen versteht. Spezialgebiet
des Malers sind unmögliche Figuren, die auf den ersten Blick jedoch meist
stimmig wirken. Im Inneren der Hülle befindet sich ein Blatt, das weitere
optische Täuschungen beschreibt - vermutlich hat Stoefi hierfür
ein Buch auseinandergepflückt, denn im Netz war eine andere Beilage abgebildet.
Damit hat er gleich zwei wichtige Kriterien für eine Industrial-Veröffentlichung
erfüllt: Die Arbeit mit Informationen und Manipulationen sowie eine Einzigartigkeit,
denn es steht kaum zu erwarten, dass es so zwei völlig gleiche Exemplare
gibt. Die CDs selbst sind mit lustigen Kamelbildchen beziehungsweise einem
geometrischen Muster beklebt und fallen somit auch positiv aus der Flut der
nicht einmal mehr beschrifteten Werke heraus.
Die Musik hält das, was die Bezeichnung der CDs verspricht: Auf dem einen
Tonträger befinden sich ambiente Stücke, auf dem anderen geht Atrox
wesentlich krachiger zu Werke. Auf erster gefallen mir "Cydonia"
mit seinem mystischen Sample und den entrückten Sounds sowie "Shaolin",
bei dem Kehlkopfgesänge zum Einsatz kommen und das aufgrund zahlreicher
Geräusche sehr soundtrackmäßig wirkt.
Wer auf CD 2 den Krach-Overkill erwartet, der wird enttäuscht werden.
Das Titelstück "Illusionen und Modulationen" kommt als sich
langsam veränderndes Noise-Ambient-Stück daher, dass stellenweise
sehr nach Windgeräuschen klingt. Eine Einschätzung, die sich ohne
Weiteres auch auf den nächsten Titel übertragen lässt, ohne,
dass es dort windig um die Ecken faucht. Die drei verbleibenden Stücke
brechen dann aus der ruhigen Atmosphäre aus, das allerdings mit zum Teil
solch boshaften Sounds, dass es ordentlich im Ohr klingelt. Bei "Pain"
sorgen die gegen Ende des Stücks einsetzenden Samples aus dem Schiffsfunkverkehr
für einige Erheiterung. Nach anfänglichem Zweifel kann man also
auch bei CD 2 von einer äquivalenten Benamsung sprechen.
Fazit: Die Doppel-CD ist nicht
schlecht, die euphorische Reaktion mancher Krachcomler erscheint mir jedoch
ein wenig überzogen. Weder ist es Atrox gelungen, etwas völlig Neues
zu erschaffen, noch strotzt die Produktion von musikalischen Ideen. Nicht,
dass mir das Ganze nicht gefällt, zu Freudenausbrüchen animiert
mich dieses Werk dann aber doch nicht, auch wenn Atrox immer noch mit recht
unverbrauchten Sounds arbeiten. Abschließend lässt sich sagen,
dass alle Stücke durchaus auch etwas kürzer hätten ausfallen
können. Naja. vielleicht kommt es ja erst durch den in die Länge
gezogenen Hörgenuss zu den titelgebenden Illusionen und Modulationen.
Titel CD1 (Ambient-Side):
1. Mask of Noh (18:02)
2. Cydonia (12:16)
3. Requiem der Phantasie (16:13)
4. Anamorphose (14:10)
5. Shaolin (9:27)
Titel CD2 (Noise-Side):
1. Illusionen & Modulationen
(12:44)
2. Magicians Birthday (12:57)
3. Spellbound (12:52)
4. Peregrination (17:12)
5. Pain (Live in Tokio/Bonustrack) (11:30)
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Atrox
- The White Rooms (Atacama)
Ziemlich schwierige Platte. Vielleicht
deshalb, weil sie das so häufig benutzte Attribut "Avantgarde" wirklich erfüllt.
Vielleicht deshalb, weil es Zeit braucht, in die Welten von ATROX einzudringen.
Vielleicht aber auch, weil mensch es nicht mehr gewohnt ist, dass ein und
dasselbe Projekt völlig verschieden klingen kann, sozusagen ein "sehr breites
Spektrum bedient" (Ganz schön dämliche Formulierung!).
Nähern wir uns ATROX also
von der technischen Seite. Zuallererst ist alles rein elektronische Musik.
Menschliche Stimmen kommen nur sehr sparsam und verzerrt, sonst aber als Sample
zum Einsatz. Das Projekt bestellt ein Feld, das irgendwo zwischen Ambient,
Techno und Noise liegt. Böse Zungen könnten auch behaupten, dass sich ATROX
zwischen alle Stühle setzen. Technofans werden die dominanten Rhythmen vermissen,
Ambientfans soviel Abwechslung nicht vertragen und Noisefans die seltsam klaren
Sounds bemängeln. Man kann sich dieser Kritik anschließen, man kann aber auch
genau dieses "weder Fisch noch Fleisch" zum Charakteristikum erklären. Zu
dieser Sicht der Dinge tendiere ich, denn das ATROX keine Hörgewohnheiten
erfüllen, wäre das letzte, aus dem man ihnen einen Vorwurf machen sollte.
Für fast alle Stücke typisch sind die kleinteiligen, niederfrequenten Rhythmen,
die normalerweise als Drones bezeichnet werden. Ein sehr schönes Beispiel
für die Noise-Variante ist "Sermon Of The Industry", das sicher auch so manchen
Steinklang-Sampler gut geschmückt hätte. Das nachfolgende "Coma" geht bei
ähnlichem Grundmuster mit seinem reduzierten Aufbau problemlos als Dark Ambient
durch. "White Room Attack" ist wesentlich technoider. Während die Eingangs-
und End-Tracks alle recht klar und übersichtlich sind, ist "The White Rooms"
im zweiten Drittel ziemlich konfus und krank. Eine Ursache könnte darin zu
finden sein, dass ATROX-Macher Stöferle den Verlust eines geliebten Menschens
verarbeiten musste, wie der Widmung zu entnehmen ist. Ein Teil dieses Schmerzes
ist in der Musik zu hören. Das kann dazu führen, dass einige Passagen nerven.
Doch wer wollte angesichts von existenziellen Fragen auf seinem Recht zur
Unterhaltung bestehen? Keine einfache Platte, wirklich nicht. Aber eine, für
die es sich lohnt, ein wenig Zeit zu opfern.
Titel:
1. Störsignal 2. Down 3. Collapse 4. White Rooms Attack 5. Sermon Of The Industry
6. Coma 7. Scared Beginners 8. Zytoplasma 9. TNM 10. Deep Water 11. Sign Of
Live
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